Es ist wieder soweit. Am Donnerstag werde ich mit dem Zug nach Hof fahren, um von dort mit dem Fahrrad nach Dresden zu fahren. Ich treffe in Hof Matthi, der bereits seit Dienstag unterwegs ist. Zusammen fahren wir dann in zwei Etappen am Fichtelgebirge entlang nach Dresden, wo wir unsere Familien treffen werden. Grob geplant stehen mir 220 km und 2300 Höhenmeter bevor.
Die Sachen sind schon bereitgelegt und müssen nur noch verstaut werden. Die Packliste gleicht der von meiner letzten Tour sehr. Lediglich ein paar Kleidungsstücke habe ich weglassen können, da ich ja nur zwei Tage unterwegs bin.
Ich hatte verschlafen. Schnell stand ich auf, um noch Frühstück zu bekommen. Danach packte ich alles zusammen und brach auf.
An dieser Stelle muss ich mal erwähnen, dass ich alles gebraucht habe, was ich eingepackt hatte. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Für die letzte Etappe packte ich aber alles nur noch sehr sorglos zusammen.
Wie immer musste erst einmal gefrühstückt werden. Ohne geht’s ja nun mal nicht.
Es wurde schöner. Tatsächlich nahmen die Radwege zu und ich musste nicht mehr auf Landstraßen entlang fahren. Ich fuhr zum Teil meinem Navi, zum Teil aber auch der Beschilderung nach und konnte feststellen, dass die Beschilderung meist an den Sehenswürdigkeiten des Ortes vorbeiführt. Auch wenn es nur die Kirche des Ortes ist. Mein Fahrradcomputer wählte den direkten Weg. In Anbetracht des Zustandes meiner Beine definitiv die besserer Route.
Am Abend zuvor bin ich einfach auf dem Bett eingeschlafen. Licht aus und fertig. Die Nacht war zu kurz und ich hatte mich bereits um 8 Uhr zum Frühstück angemeldet. Das Frühstück und insbesondere der Kaffee weckten meine Lebensgeister und ich stellte fest, dass es nicht immer ein opulentes Buffet sein muss. Manchmal ist weniger mehr. Guter Kaffee, Brot, Aufschnitt und diesmal sogar ein gekochtes Ei. Was will man mehr?
Wie bereits angekündigt, habe ich mir im Fahhradgeschäft noch die neuen Griffe besorgt. Auf Nachfrage gab es sogar noch 10% Nachlass. Schnell die Griffe getauscht und los ging es.
So wie es gestern aufhörte gings es auch weiter. Viel Strecke auf Straßen, gefolgt von Schotterpisten. Kurz nach dem Start kam die Steigung des Tages. Mühsam strampelte ich im ersten Gang den Berg hoch. Dies war definitiv der Grenzbereich meines Fahrrads. Ein, zwei Gänge mehr hätten hier nicht geschadet. Auch das Schalten unter Volllast gefällt der Nabenschaltung nur bedingt. So krachte es bei einem kurzen aber sehr steilen Anstieg, als ich im Wiegetritt die Gänge wechseln wollte.
In Philippsthal (Werra) türmen sich riesige Schuttberge auf, die, wie ich vermute, das zu Tage geförderte Gestein aus den Mienen ist.
Eine kurze Rast – diesmal tatsächlich an der Werra – und es ging weiter Richtung Heimboldhausen, Heringen bis nach Berka.
Ständig war ich am überlegen, ob ich es eventuell doch bis nach Eschwege schaffen würde. Ich hatte noch keine Übernachtungsmöglichkeit und so fuhr ich immer weiter. Die Sonne war heute Mangelware weshalb ich später sogar noch die Armlinge und Beinlinge anzog, damit die Muskeln nicht so stark auskühlen.
Wenn Wind und Steigungen nicht gerade gegen mich waren, kam ich sogar ziemlich flott voran. Nur absteigen durfte ich nicht, da ich dann meine müden Beine spürte.
Nur wenige Kilometer vor Creuzburg (da wusste ich noch nicht, dass ich dort übernachten werde) passierte ich das Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunn. Ich beschloss dort zu essen. Meine Frage, ob sie denn auch noch ein Zimmer frei hätten, wurde leider mit einen „Leider nein“ quittiert.
Noch von dort rief ich im Hotel Auf der Creuzburg an. Sie hatten noch ein Zimmer. Zwar etwas teurer, aber egal. Die morgige Etappe muss ja auch noch ein paar Kilometer bieten und auf einer Burg schläft man auch nicht alle Tage.
Alles läuft mal wieder herrlich unkompliziert. Ich bekomme die Schlüssel in die Hand gedrückt und fertig. Keine Angabe irgendwelcher Daten, nichts bezahlen müssen…
Als ich wieder auf das Zimmer komme richt es nach frisch gewaschener Wäsche. Ich hatte zuvor meine verschwitzten Sachen ausgewaschen. Hoffentlich sind sie bis morgen trocken.
Meine Finger sind immer noch taub. Ich habe zum Teil keine Kraft in den Fingern und bekomme noch nicht mal den Zucker vom Espresso auf. Die Feinmotorik ist eingeschränkt. Jedenfalls ist es nicht schlimmer geworden. Ob es an den neuen Griffen lag? Keine Ahnung.
Ich kämpfe mich weiter nach Norden Richtung Meiningen. Es ist hügelig. Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken, wofür ich sehr dankbar bin. Dafür habe ich einen anderen Widersacher – den Wind. Er bläst mir entgegen und fordert meine Muskeln heraus.
In Bad Neustadt an der Saale kaufe ich mir eine Tube Voltaren für mein Knie. Noch vor der Apotheke schmiere ich mein Knie ein. Dann geht es nach einigen Orientierungsschwierigkeiten weiter.
Nach einiger Zeit finde ich meinen Rhythmus, bis mich von hinten zwei Radler überholen, die auch nach Meiningen wollten. Sie auf einem E-Bike und er mit strammen Waden und guter Fitness. Sie verabschieden sich mit den Worten: „Bis später in Meiningen“ und zogen an mir vorbei.
Das war der Moment, als mein zweiter Widersacher des Tages zum Vorschein kam – der Ehrgeiz. Ich hielt Anschluss und bei der nächsten Abfahrt hatte ich sie eingeholt. Ich schoss vorbei und sah sie das nächste Mal in Meiningen. Das Knie hielt.
In Meiningen war es wieder an der Zeit sich um eine Unterkunft zu kümmern. In Bad Salzungen wurde ich fündig, was mir 37 weitere Kilometer bescherte.
Der Werratal-Radweg enttäuscht ein wenig. Die Strecke führt oft auf Landstraßen entlang. Hinzu kommt ein Abschnitt, der für Mountainbikes geeignet gewesen wäre und gut 30 m oberhalb der Werra entlang führte. Aber immerhin sind sie hier sehr aufmerksam und stellen Schilder vor steilen Abfahrten auf. Als alter Saalbach-Fahrer kann man über die dann folgende Abfahrt aber nur müde lächeln.
Nach insgesamt 87 km erreiche ich das Hotel Zum Lindentor. Es ist zu und ich muss klingeln. Kurz darauf kommt von der anderen Straßenseite eine Frau die mir den Schlüssel in die Hand drückt, kurz zeigt wo die Getränke stehen und dann wieder verschwindet. Bezahlt wird morgen. Ich scheine alleine in der Pension zu sein. Im Raum mit der Bar stehen Wäschständer, im Speiseraum sind ein paar Plätze eingedeckt. Später höre ich, dass noch weiter Gäste da sind. Skurril ist es aber schon.
Ich raffe mich auf. Am nahe gelegenen Platz räumt ein Mitarbeiter eines Fahrradladens gerade die Räder rein. Ich frage ihn, ob er Lenkergriffe von Ergon hat, was er bestätigen konnte. Mein Ulunarnerv hat die letzten drei Tage gelitten und meine kleinen Finger und die Ringfinger sind taub. Da ich essen gehen möchte lasse ich die Griffe zurücklegen und lasse mir ein Lokal gleich um die Ecke empfehlen – das Lokal Zur Nappe.
Mit Schnitzel mit Spiegelei und einem sehr leckeren Klosterbier beschließe ich den Tag.
Die letzte Nacht war weniger gut. Da mein Knie gestern Abend etwas schmerzte, habe ich eine Voltaren-Tablette eingeworfen. Leider entfaltete die ihre Wirkung erst in der Nacht, worauf mein Körper mit einer allergischen Reaktion um 4 Uhr aus dem Schlaf riss. Ich dachte zunächst an einen Sonnenstich, aber dem war nicht so. Zum Glück hatte ich ein Antihistaminikum dabei, welches mich dann wieder weiter schlafen ließ.
Am Morgen war dann der Spuk zum Glück vorbei. Schnell geduscht und meinen knurrenden Magen mit Frühstück versorgt.
Die Sachen sind schon gepackt und ich muss bis 10 Uhr aus dem Hotel raus. Bis Meiningen sind es da. 40 Kilometer. Eigentlich etwas wenig, aber nach Meiningen nimmt die Hotel-Dichte rapide ab und ich habe noch keine Idee, wo ich heute Abend einkehren soll. Mal sehen, was der Tag so bringt.
Gott, bin ich fertig! So, oder ähnlich müsste ich eigentlich anfangen. 98 km, 29 Grad, um mal ein paar Zahlen zu nennen. Aber schön der Reihe nach…
Ich starte um kurz nach Neun. Am Anfang denke ich noch, dass ich nach 30 km dann mal Pause machen könnte. Ich genieße nicht die Umgebung, sondern denke nur daran, wie weit ich heute wohl kommen werde.
Den Main-Radweg kann man gut fahren. Man merkt deutlich, dass es tendenziell nach unten geht. Auf einmal meint mein Navi mich über einen Berg schicken zu müssen. Ich fahre natürlich hinterher und verfluche das Teil, als es mich hinter dem Berg wieder auf den Radweg entlang der Hauptstraße leitet. Manchmal sollte man eben doch einfach den Schildern folgen.
Ich komme durch einige schöne Orte. In einigen gibt es auch Wohnmobilstellplätze direkt am Main. Schnell ein Foto als Merkzettel gemacht.
Manchmal gleicht der Radweg eher dem Pilgerpfad nach Santiago de Compostela – nur eben mit Fahrrädern. Ich überhole Kolonnen rüstiger Rentner, die teils gemütlich, teils aber auch sehr ambitioniert unterwegs sind. So klebte mir eine ganze Weile einTross älterer Herren am Hinterrad, bis mein Navi sich entschied unsere Wege zu trennen.
Als mein Blick das nächste Mal auf den Tacho fiel, hatte ich bereits 40 Kilometer runter. Es lief gut. Sogar viel besser als ich erwartet hatte. Mein Hintern machte keine Probleme, ich hatte meinen Rhythmus, so dass ich beschloss bis nach Schweinfurt durchzufahren.
Gegen 12 Uhr habe ich Schweinfurt erreicht. Ich befasste mich zunächst mit der Planung des weiteren Streckenverlaufs und suchte mir ein schattiges Plätzchen, da die Mittagssonne doch schon heftig herunter brezelte.
Ich suchte mir ein Hotel ein für die nächste Nacht, war aber unschlüssig, welche zusätzliche Distanz ich mir zumuten sollte. Es ist dem Umstand zu verdanken, dass in Bad Neustadt an der Saale niemand ans Telefon ging und ich daher für das näher gelegene Hotel Tilman in Münnerstadt entschieden habe. Wie sich später herausstellen sollte, genau die richtige Entscheidung.
Nachdem ich die Buchung vorgenommen hatte und es schon nach Mittag war, suchte ich mir Lokal. Kohlenhydrate in Form von Nudeln, eine Apfelshorle und ein doppelter Espresso stärkten mich für die letzte Etappe des Tages.
Kurz hinter Schweinfurt verließ ich den Main-Radweg, um auf dem Main-Werra-Radweg weiter nach Norden zu fahren. Dies bedeutete aber auch gleichzeitig Abschied nehmen von den abwärts verlaufenden Radwegen und um die hügelige Rhön willkommen zu heißen, die ich als Autofahrer schon nicht mag.
Die Sonne steht wie festgenagelt am blauen Himmel. Trotz Sonnencreme habe ich das Gefühl, dass sie mir die Unterarme verbrennt. Ich ziehe mir meine Armlinge an, die eigentlich als Kälteschutz gedacht sind – getreu dem Motto: lief mehr schwitzen als Sonnenbrand.
Als ich dem Radweg folge und um eine Ecke biege, sehe ich zu meiner Rechten ein Kneipp-Becken mit Bänken drum herum. Ich brauchte keine Sekunde, um mich für eine Pause zu entscheiden. Das kühle Nass war eine Wohltat.
Gerade als ich weiterfahren möchte, klingelte mein Telefon. Es war Geli, die zusammen mit Sebastian, Maximilian und Theresa auf dem Weg von Fulda zurück nach München waren. Wie sich herausstellte, waren sie nur ca. 15 km von meiner aktuellen Position entfernt, so dass wir uns in der nahegelegenen Storchs-Mühle in Oberwerrn verabredeten.
Die Empfehlung zur dortigen Einkehr habe ich von einer Radl-Truppe bekommen, die ebenfalls im Kneipp-Becken Erfrischung suchte. In der Storchs-Mühle gab es lecker Brotzeit, aber auch hervorragenden Kuchen und gespritzten Apfelmost, von dem ich mir gleich zwei in den Kopf stellte.
Wir saßen gemütlich zusammen. Maximilian und Sebastian haben Tret-Traktor und -Auto für sich entdeckt und ich hätte durchaus noch länger bleiben wollen, aber ein Check der Strecke in Google Maps zeigte auf, dass ich doch noch 27 km vor mir hatte.
Liebe Schneiders, es hat mich riesig gefreut, dass ihr an mich gedacht habt und wir uns so spontan getroffen haben.
Die letzten Kilometer sind mit Anstiegen durchzogen, die teils nur sehr langsam erklimme. Gegen Ende wird es wieder flacher und ich nehme wieder Geschwindigkeit auf. Nur noch 6 Kilometer. Nur noch 5 Kilometer. Je näher ich dem Ziel komme, desto schneller werde ich.
Endlich erreiche ich Münnerstadt und das Hotel. Ich lege mich erst einmal aufs Bett und warte, dass ich aufhöre zu schwitzen. Nach dem Duschen und dem Auswaschen meiner Klamotten gehts zum Essen.
Ich sitze vor dem Hotel, welches direkt an der Straße gelegen ist. Nicht, dass Münnerstadt groß wäre, aber hier geht es zu, wie auf der Leopoldstraße. Ständig fährt hier ein aufgepröllter Golf vorbei, mit Bässen, die meine Fritten auf dem Teller zum Hüpfen bringen.
Die erste Etappe ist geschafft. 65 km von Nürnberg Hbf bis Bamberg. Die Fahrt führe mich zunächst durch das Knoblauchland bis nach Erlangen. Dort war Kirchweih-Fest und die Straßen waren voll mit Dirndln und Lederhosen. Ein kurzes Einkehren verkniff ich mir, lagen doch noch zu viele Kilometer vor mir.
Der Radweg verläuft entlang der Regnitz bis nach Bamberg. In Kleinseebach entdeckte ich ein leines Schild mit Hinweis zu einem nahegelegenen Gasthof. Da die 30 km schon fast voll waren und der Nachmittag schon angebrochen war, beschloss ich dort Mittag zu essen. Der Landgasthof Schuh lag nur 150 m vom Radweg entfernt. Im Biergarten suchte ich mit ein Schattenplätchen unter den Bäumen.
Nach einem Teller mit Hühnerheschnetzeltem un einem Ruß’n ging es dann schließlich weiter. Der Wirt füllte mir noch meine Wasserflasche auf, dann nahm ich die verbleibenden Kilometer in Angriff.
Um kurz nach Vier erreichte ich Bamberg. Ich checkte im Bed & Bike Bamberg Mitte ein. Das Haus mit den Gästezimmern liegt absolut zentral. Ich bekam einen Gutschein für das Frühstück am nächsten Morgen, einen Zettel mit dem WLAN-Passwort und eine kurze Einweisung in den Stadtkern von Bamberg. Das Zimmer ist klein, aber gemütlich. Bad und WC sind auf dem Flur. Nach einer heißen Dusche ging ich die Stadt erkunden.
Zum Abendessen gab es einen Burger mit Salat und zwei Tannenzäpfle. Jetzt liege ich auf dem Bett und ich merke, dass ich ziemlich müde bin. Schnell noch die Sachen richten, die Beine eincremen und dann gute Nacht.